Aufarbeitung. Macht. Transformation.

Eine interdisziplinäre Tagung zur Deutungsmacht und den gesellschaftlichen Folgen der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt

27.-28. Januar 2020, Universität Rostock

Seit mehr als zwei Jahrzehnten lassen sich weltweit Prozesse einer intensivierten Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt beobachten. Bemühungen zur Aufarbeitung beziehen ihre Legitimation wesentlich aus dem Anspruch der Anerkennung Betroffener, der Bestimmung von Verantwortung und Schuldfragen sowie der Gewinnung von Erkenntnissen für die Gewaltprävention. Deutlich weniger im Fokus steht, wie nachhaltig und unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen das Wissen um sexualisierte Gewalt gegenwärtig verhandelt wird und in welchen Grenzen das geschieht. Solche Rahmensetzungen jedoch beeinflussen in kaum zu unterschätzender Weise die Transformationsansprüche und -bereitschaften, die in diesem Kontext im Blick auf einzelne Institutionen und ganze Gesellschaftsbereiche formuliert werden. Die im Rahmen des vom BMBF geförderten Verbund-Projektes „Auf-Wirkung. Aufarbeitung für wirksame Schutzkonzepte in Gegenwart und Zukunft“ veranstaltete Tagung greift mit einem interdisziplinär zugeschnittenen Programm konstitutive aufarbeitungspolitische Faktoren der Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt auf und bietet zugleich ein Forum für die Frage, wie und mit welchen Auswirkungen die Erfahrung und Überwindung sexualisierter Gewalt zum Gegenstand langfristiger erinnerungskultureller Aktivitäten werden kann.

Tagungsschwerpunkte

(1) Das Problem der Transformation

(1) Das Problem der Transformation

Die Aufarbeitung von Makroverbrechen ist mit dem Anspruch verbunden, gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen. Das Risiko zukünftiger Gewalt soll auch durch einen Transfer des aus der Aufarbeitung vergangener Verbrechen gewonnenen Wissens eingedämmt werden. Offen ist, ob und in welcher Hinsicht das gelingt und was die Bedingungen dafür sind. Die Beiträge des Schwerpunkts fokussieren, dass die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt insbesondere die ethischen, institutionellen und professionstheoretischen Grundlagen der Pädagogik herausfordert und Dynamiken der Transformation mit sehr unterschiedlicher Ausrichtung und Reichweite auslöst.

  • Andreas Langfeld (Rostock): Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Kontexten: Zur Entwicklung eines Präventionsdispositivs
  • Meike Sophia Baader (Hildesheim): Sexualisierte Gewalt als Herausforderungen für die Geschichte, Theorie und Praxis der Pädagogik
(2) Grenzen der Gewaltreflexion

(2) Grenzen der Gewaltreflexion

Die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt konstituiert sich vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Weisen der Verhandlung und Reflexion von Gewalt. Der gesellschaftliche Umgang mit Gewalt ist geprägt von Techniken, Politiken und Ästhetiken des Verdrängens von Gewalt. Die Beiträge reflektieren diese Zusammenhänge interventionstheoretisch, philosophisch und historisch-exemplarisch. Ganz bewusst gehen die Beiträge über den engeren Kontext sexualisierte Gewalt hinaus, um eine breitere Perspektive auf kulturelle Muster der Verhandlung und Verarbeitung von Gewalt einnehmen zu können.

  • Daniel-Pascal Zorn (Bochum): Der Konflikt zwischen Erfahrung und Repräsentation – Warum es keine endgültige Aufarbeitung geben kann
  • Ines Geipel (Berlin): Innere und äußere Gedächtnisblockaden: Nach der Gewalt in der DDR
  • Lisa Strömbom (Lund, Schweden): Agonism and Conflict Transformation – Adressing Cultures of Trauma
(3) Politiken der Aufarbeitung

(3) Politiken der Aufarbeitung

Die gesellschaftlichen Bedingungen der Auseinandersetzung mit Gewalt verdichten sich im Kontext der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt zu Politiken der Aufarbeitung, in deren Rahmen Konzepte der Wahrnehmung, Anteilnahme und Verantwortungsübernahme im Umgang mit dem Themenfeld verhandelt und wirksam werden. Die Beiträge des Schwerpunktes widmen sich unter anderem der Frage, wie Betroffene von sexualisierter Gewalt in unterschiedlichen Kontexten wahrgenommen werden (wollen) und welche kulturellen Ressourcen zur Mobilisierung einer breiteren gesellschaftlichen Anteilnahme an der Erfahrung und Überwindung von Gewalt beteiligt sind.

  • Johanna Sköld (Linköping, Schweden): Memories of childhood trauma meet the law: how the Swedish financial redress scheme negotiated the limits of state responsibility and victim capital
  • Gesa Mackenthun (Rostock): Narratives of Colonial Reeducation as Trauma and Empowerment
  • Bastian Schwennigcke (Rostock): Emotionen als Ressource der Aufarbeitung – Eine international vergleichende Studie
(4) Räume des Gedenkens gestalten

(4) Räume des Gedenkens gestalten

Gedenkpraktiken artikulieren das Bedürfnis einer langfristigen Auseinandersetzung mit Gewalt. Dieser Zugang fehlt in der Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt vielerorts noch völlig, abgesehen von ersten Initiativen. Gedenkpraktiken sind immer auch praktische, teils räumlich sichtbare, ästhetische und performative Interventionen der Neuordnung, Neuaneignung und Re-Inszenierung öffentlicher oder halb-öffentlicher Räume, in die sich die Konfliktlinien und Bedingungen der gesellschaftlichen Reflexion und des Transfers von Wissen über sexualisierte Gewalt einschreiben. Die Beitragenden dieses abschließenden Schwerpunkts der Tagung tragen ihre Positionen im Rahmen einer Podiumsdiskussion zusammen.

  • Adrian Koerfer (Bad Homburg): Ein Memorial für die Odenwaldschule
  • Wolfgang Friedrich (Rostock): Gedenken und die Ästhetik der Vulnerabilität
  • Robert Köhler (München): Ein „Denk Mal“ in Kloster Ettal

Öffentliche Lesung

Im Rahmen der Tagung „Aufarbeitung. Macht. Transformation.“ stellt die Schriftstellerin und Professorin an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« Ines Geipel ihr jüngstes Buch „Umkämpfte Zone: Mein Bruder, der Osten und der Hass“ vor. Als Beitrag für einen breiteren Blick auf gesellschaftliche Muster der Auseinandersetzung mit der Ausübung und Erfahrung von Gewalt erweitert die Lesung das Programm einer Tagung, in deren Mittelpunkt die Formen, Logiken und Beschränkungen der gegenwärtig vielfach verhandelten Aufarbeitung sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche stehen. Der Eintritt ist für angemeldete Tagungsteilnehmende frei. Weitere Informationen finden Sie hier:

https://www.iasp.uni-rostock.de/aktivitaeten-aktuelles/veranstaltungen-und-tagungen/ines-geipel-umkaempfte-zone-mein-bruder-der-osten-und-der-hass/

https://www.anderebuchhandlung.de/veranstaltungen

Anmeldung

Anmeldung

Die Teilnahme ist kostenlos. Bitte melden Sie sich verbindlich an unter: iaspuni-rostockde

Bitte geben Sie in Ihrer E-Mail zur Anmeldung folgende Informationen:

  • Anrede, ggf. Titel, vollständiger Name des*der Teilnehmenden
  • E-Mail-Adresse
  • Institution
  • Teilnahme am Empfang (kostenlos), 27.01.2020, 17:00 Uhr
  • Teilnahme an Lesung (kostenlos für angemeldete Tagungsteilnehmende), 27.01.2020, 19:00 Uhr
  • Teilnahme 1. Tag/2. Tag/beide Tage
Tagungsort

Tagungsort

Universitätshauptgebäude, Universitätsplatz 1, 18055 Rostock (Raum: Aula)

Geoport Rostock: https://t1p.de/1vga
Google Maps: https://goo.gl/maps/hN7DEbbY9raC5TLX9

Anreise mit dem ÖPV

Anreise mit dem ÖPV

  • Bahnreise bis Rostock Hauptbahnhof
  • ab Hauptbahnhof, Tramhaltestelle (Bahnsteig A) Tram 5 (Richtung Mecklenburger Allee) oder Tram 6 (Richtung Neuer Friedhof) bis Haltestelle Lange Straße.
  • Dann 5 Min. zu Fuß über Breite Straße zum Universitätsplatz.
Kontakt bzw. Nachfragen

Kontakt bzw. Nachfragen

Bei Nachfragen oder Anregungen wenden Sie sich gern an Herrn Schwennigcke.

Anerkennung als Lehrkräfte-Fortbildung

Anerkennung als Lehrkräfte-Fortbildung

Die Tagung wird vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur M-V als Fortbildungsveranstaltung für Lehrkräfte gemäß § 16 Lehrerbildungsgesetz M-V (LehbildG M-V) anerkannt.
Reisekosten können von Seiten des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur M-V nicht erstattet bzw. bezuschusst werden.

Kooperationen und Förderung

Die Tagung wird gefördert mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Die Lesung findet statt in Kooperation mit der anderen buchhandlung Rostock.

Die Tagung ist eine Veranstaltung im Rahmen des Verbund-Forschungsprojektes „Auf-Wirkung. Aufarbeitung für wirksame Schutzkonzepte in Gegenwart und Zukunft“ mit den Verbundpartner*innen:

  • Goethe-Universität Frankfurt am Main: Fachbereich Erziehungswissenschaften: Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung
  • Universität Hamburg: Medizinische Fakultät: Institut für Sexualforschung, Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie
  • Institut für Praxisforschung und Projektberatung München
  • Sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut zu Geschlechterfragen / FIVE e.V. Freiburg
  • Universität Rostock: Philosophische Fakultät: Institut für Allgemeine Pädagogik und Sozialpädagogik