Forschungsprojekt „Unabhängige Aufarbeitung von Vorkommnissen sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche"

Aufarbeitung sexualisierter Gewalt – Tätersysteme und Täterstrategien

Unabhängige Aufarbeitung von Vorkommnissen sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Organisationsstrukturelle und konstitutive Bedingungen von Tätersystemen, Täterstrategien und Täternetzwerken in institutionellen Kontexten. Analyse und wissenschaftliche Aufbereitung der Ergebnisse für die akademische Ausbildung von Fachkräften und für die Prävention.

 

Kurztitel: Aufarbeitung sexualisierter Gewalt – Tätersysteme und Täterstrategien

Projektleitung: Prof. Dr. Jens Brachmann

Projektmitarbeiter: Steffen Marseille, M. A.

Laufzeit des Projekts: 01.06.2016 bis 31.03.2019

Förderung des Projekts: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend/ Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM)

 

Ziele & Schwerpunkte:

Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche stellt im Angesicht von aktuell durch die WHO geschätzten eine Million betroffenen Mädchen und Jungen in Deutschland ein trauriges Massenphänomen, mit äußerst destruktiven Konsequenzen für das Individuum, wie auch für die Gesellschaft dar. Die Dimension dieser Auswirkungen wird gesellschaftlich weithin unterschätzt und immer noch tabuisiert. Wir sind jedoch nicht nur eine Gesellschaft voller Opfer, sondern auch eine Gesellschaft voller Täterinnen und Täter mit einer noch größeren Anzahl von Menschen, welche diese Taten ermöglichen, indem sie wegsehen, indem sie dulden, indem sie schweigen. Die Klärung der Verantwortung für eine konkrete pädosexuelle Straftat muss daher stets zugleich überindividuell gedacht werden: Sexualisierte Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Ziel einer wissenschaftlichen Aufarbeitung der Vorkommnisse sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche wird es somit nicht nur sein müssen, die Voraussetzungen, die Bedingungen, die Kontexte, die Tatszenarien und Tathandlungen, wie auch die Folgen je konkreter pädosexueller Übergriffe zu rekonstruieren, sondern die gesellschaftliche Dimension – i. e. neben dem quantitativen Ausmaß vor allem die prekäre ’Qualität’ – sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche deutlich zu machen und in deren Ambivalenz zu problematisieren. Ziel unseres Projektvorhabens ist es, die sozialen und systemischen Kontexte der Verbrechen in institutionellen Feldern pädagogischer oder sozialtherapeutischen Organisation-, Ausbildungs- oder Heimstrukturen und die Strategien der Täter und Täterinnen zu erforschen, zu analysieren und die Ergebnisse für die Prävention, wie auch für die akademische Ausbildung von Fachkräften aufzubereiten. In von Vorkommnissen pädosexueller Gewalt betroffenen (pädagogischen) Institutionen lassen sich diese Phänomene quasi unter Laborbedingungen untersuchen. Im avisierten Untersuchungshorizont interessieren dabei insbesondere:

a.) die Rekonstruktion von »Tätersystemen« sowie ihre Entstehungsbedingungen durch die soziale Vernetzung von Tätern, Mitwissern, Duldern, co-abhängigen Betroffenen auf der Grundlage je spezifischer institutioneller Organisationsformen,

b.) die exemplarische Rekonstruktion einzelner – für die unterschiedlichen Fallkonstellationen je typischer – Missbrauchshandlungen als Konsequenz der in a.) entwickelten Konstitutionsbedingungen, insbesondere die Herausbildung sich dabei ausdifferenzierender, verallgemeinerbarer Täterstrategien, persönlichen Leids und der Schädigungen sowie im Hinblick auf die Reproduktion von Tätersystemen

c.) die Generalisierung der in a.) und b.) formulierten Erkenntnisse und deren exemplarische Erprobung und Implementation in der Aus- und Weiterbildung pädagogischer Fachkräfte bzw. für die Entwicklung von Präventionskontexten ausgehend von einer vergleichenden Analyse und Evaluation nationaler und internationaler Aufarbeitungsberichte,

d.) der Aufbau eines interdisziplinären, instituts- und universitätsübergreifenden Forschungs- und Lehrnetzwerkes an den Universitäten Rostock, Hamburg und Frankfurt/M. als Pilotprojekt zur thematischen Institutionalisierung und modellhaften Entwicklung von Lehrmodulen für die akademische Aus- und Weiterbildung von pädagogischem Fachpersonal.

Das avisierte Forschungsvorhaben wird die formulierten Projektziele methodisch jeweils spezifisch adressieren und chronologisch-systematisch abarbeiten bzw. realisieren.

 

Beschreibung der Aktivitäten:

Zur Erforschung der organisationsstrukturellen und konstitutiven Bedingungen von Täter*innensystemen, Täter*innenstrategien und Täter*innennetzwerken im Kontext pädagogischer Institutionen, haben wir unterschiedliche methodische Zugänge gewählt:

  • Führung und Analyse von Interviews mit Betroffenen sexualisierter Gewalt in pädagogischen Institutionen
  • Führung und Analyse von Interviews mit Pädagogen, die in Institutionen gearbeitet haben, in welchen sexualisierter Gewalt ausgeübt worden ist
  • Rekonstruktion und Analyse von Gruppendynamiken und Täter*innenstrategien mittels des Systembretts mit Betroffenen sexualisierter Gewalt in pädagogischen Institutionen
  • Auswertung uns zur Verfügung gestellter Aufzeichnungen und Korrespondenzen von Betroffenen wie von Zeitzeugen
  • Analyse der vorliegenden Transkriptionen und Berichte, welche im Rahmen der UKASK-Anhörungen entstanden sind
  • Archivrecherchen: Rekonstruktion institutioneller/administrativer Logiken, Prozeduren, Entscheidungsprozesse; Validierung der über alternative methodische Zugriffe erschlossenen Daten (Interviews etc.); Rekonstruktion der für die jeweilige Einrichtung typischen Ermöglichungsbedingungen und Gelegenheitskontexte.

Die Datenerhebungen und Analysen sind noch nicht abgeschlossen, doch wir können bereits zu allen Aspekten unserer Forschungsebenen erste Ergebnisse skizzieren, die in den Zwischenbericht der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (UKASK) eingeflossen sind. Ein Auszug aus dem Zwischenbericht kann hier heruntergeladen werden: https://www.aufarbeitungskommission.de/wp-content/uploads/2017/06/Auszug_Zwischenbericht_Aufarbeitungskommission_2017.pdf

Weitere Informationen finden Sie unter: www.aufarbeitungskommission.de

Infotelefon Aufarbeitung: 0800 4030040 (anonym und kostenfrei)