Demokratie. Norm und Praxis der Sozialpädagogik?

Vortragsreihe 2022 am Institut für Allgemeine Pädagogik und Sozialpädagogik

Veranstalterinnen: Dr.in Lisa Janotta, Bettina Rabe und Prof.in Dr. Vicki Täubig

 

Mit unserer Vortragsreihe „Demokratie. Norm und Praxis der Sozialpädagogik?“ blicken wir auf die Möglichkeit der Beteiligung von Adressat:innen in Gemeinschaft und Gesellschaft, die Qualität einer demokratischen Professionalität in der Arbeitsbeziehung sowie das Spannungsver­hältnis von Demokratieförderung und Demokratiefeindlichkeit. Die Vortragsreihe richtet sich an Wissenschaftler:innen, Praktiker:innen und Studierende.

Aktuelle Informationen zu Ort und Corona-Bedingungen

Ort: Hörsaal 218 im Hauptgebäude, Universitätsplatz 1, Rostock (eine Anmeldung ist nicht erforderlich)

Hygienekonzept: Empfehlung zum Tragen einer medizinischen Maske

Die Räume sind für Rollstuhlfahrer:innen barrierearm nutzbar. Wenn Sie die kostenlose Kinderbetreuung nutzen möchten, melden Sie sich bitte bis 14 Tage vor dem jeweiligen Vortrag mit dem Betreff „Kinderbetreuung_Vortragsreihe“ sowie der Angabe von Anzahl und Alter der Kinder unter iaspuni-rostockde.

Flyer zum Download

 

 

 

Zu den Vorträgen

Zu den Vorträgen

Do 28.4. um 17:15 | Karina Schlingensiepen-Trint (Bergische Universität Wuppertal, Freie Universität Berlin)

Soziale Arbeit als ‚Bedingung‘ für Demokratie?

Soziale Arbeit ist zwar historisch im Zuge der Demokratisierung der Industriegesellschaften entstanden – aber inwiefern ist sie ein grundlegender Bestandteil eines demokratischen Rechtsstaates? In ihrem Vortrag begründet Karina Schlingensiepen-Trint auf der Basis demokratietheoretischer Positionen, dass es zur Verwirklichung demokratischer Verhältnisse der Sozialen Arbeit bedarf.

Do 19.5. um 17:15 | Prof. Dr. Patrick Oehler (Fachhochschule Nordwestschweiz)

Demokratie als Kernthema sozialpädagogischer Praxis

Der Anspruch an Demokratie zeigt sich in Theorien zur sozialpädagogischen Professionalität unterschiedlich prägnant, ist aber dennoch zentral. Patrick Oehler entwirft eine Idee von Professionalität, die die Freiheit der Adressat:innen konstitutiv einbezieht und zu stärken sucht. Er diskutiert den demokratischen Anspruch für die professionelle Praxis.

Mo 27.6. um 17:15 | Prof. in Dr. Chantal Munsch (Universität Siegen)

Verdeckte Hürden der Partizipation

Soziale Arbeit versteht sich gerne als partizipatives Projekt, dessen Angebote sich an den Interessen und Bedarfen der Adressat:innen ausrichten. Chantal Munsch schaut auf alltägliche Praktiken hinter dieser Intention. Dabei geht es um die vielfältigen Hürden, die verhindern, dass Adressat:innen sozialpädagogischer Hilfen ihre Belange zur Sprache bringen können.

Do 20.10. um 17:15 | Ina Bielenberg (Arbeitskreis Deutscher Bildungsstätten)

Politische Bildung in der Kinder- und Jugendhilfe. Zum aktuellen Kinder- und Jugendbericht

Der 16. Kinder- und Jugendbericht adressiert – neben der Schule – die Kinder- und Jugendhilfe, um demokratiefeindlichen Tendenzen entgegenzuwirken. Demokratiebildende Angebote sind eben nicht nur in der expliziten politischen Bildung zu finden, sondern z.B. auch in der kulturellen Bildung, dem Sport oder der Sozialen Arbeit. Als Mitglied der Berichtskommission stellt Ina Bielenberg die Perspektive politischer Bildung für die Praxis der Kinder- und Jugendhilfe vor.

Do 17.11. um 17:15 |Prof. in Dr. Christine Krüger & Prof.in Dr. Júlia Wéber (Hochschule Neubrandenburg)

Extrem rechte Einflussnahmen in der Sozialen Arbeit. Empirische Befunde aus Mecklenburg-Vorpommern

Steht Soziale Arbeit per se für die Förderung der pluralistischen Demokratie oder besteht die Gefahr, dass auch die Praxis Sozialer Arbeit antidemokratische Dynamiken fördert? Dies diskutieren Christine Krüger und Júlia Wéber auf der Basis ihrer empirischen Erhebung 2020/21 zum Verhältnis der extremen Rechten, Sozialer Arbeit und Zivilgesellschaft. Neben der Vorstellung der Forschungsanlage und der zentralen Befunde wird ein Vergleich zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen gezogen.

Hintergrund

Hintergrund

Demokratie muss als Gesellschafts- und Lebensform (vgl. Dewey 1993 [1916]) immer wieder neu hergestellt werden. In einer Zeit, in der die Demokratie in Frage gestellt wird, sollte sich auch die Sozialpädagogik in Theorie und Praxis vergewissern, was ihr Verhältnis zur Demokratie ist. Dazu leistet die Vortragsreihe einen Beitrag.

Die Soziale Arbeit ist – historisch gesehen – ein ‚Kind‘ der Industrialisierung, entstehender wohlfahrtsstaatlicher Ordnungen und der Demokratie (vgl. Kuhlmann 2014). Im spannungsreichen Verhältnis zwischen der Kapitalisierung gesellschaftlicher (Arbeits-)Verhältnisse und dem Kampf um die Rechte von Arbeiter:innen, Frauen, Jugendlichen und Kindern (vgl. Braches-Chyrek 2013) stellte die Auseinandersetzung mit den Ansprüchen einer demokratischen Gesellschaft einen Fixstern der jungen Disziplin dar. Diese Auseinandersetzungen mit dem Konzept ‚Demokratie‘ nahmen die Einbindung des Individuums in Gemeinschaft und Gesellschaft ebenso in den Blick wie die Frage nach der ‚demokratischen‘ Qualität der sozialarbeiterischen Beziehung (vgl. Addams 1964, S. 14).

Die Fragen nach der Beteiligung von Adressat:innen, zur Arbeitsbeziehung zwischen Adressat:innen und Professionellen sowie zum Verhältnis von Sozialer Arbeit und Demokratie beschäftigen uns bis heute. Wird der normative Anspruch von ‚Demokratie‘ kritisch reflektiert, zeigen sich allerdings Widersprüchlichkeiten. So begleitet Soziale Arbeit nicht nur demokratische und individuelle Emanzipationsprozesse, sondern ist auch am „Othering“ und an der Fortschreibung von sozialem Ausschluss beteiligt (vgl. Kessl/Plößer 2010; Anhorn/Stehr 2021). Zugleich wird immer wieder dazu aufgerufen, demokratiefeindlichen Tendenzen entgegenzuwirken (vgl. Köttig/Röh 2019) oder – wie im 16. Kinder- und Jugendbericht – politische Bildung als Ziel Sozialer Arbeit markiert (Dt. Bundestag 2020).

Braucht es also in einer demokratischen Gesellschaft Soziale Arbeit, um Menschen zur (sozialen und politischen) Beteiligung zu befähigen? Wann kann die Beziehung zwischen Professionellen und Adressat:innen als ‚demokratisch‘ bezeichnet werden? Ist die Soziale Arbeit per se demokratisch – und kann sie tatsächlich Demokratie fördern?

Mit unserer Vortragsreihe diskutieren wir, inwiefern Demokratie eine Norm und Praxis der Sozialpädagogik ist. Dabei blicken wir auf die Möglichkeit der Beteiligung von Adressat:innen in Gemeinschaft und Gesellschaft, die Qualität einer demokratischen Professionalität in der Arbeitsbeziehung sowie das Spannungsverhältnis von Demokratieförderung und Demokratiefeindlichkeit.

 

Literatur

Addams, J. (1964) [1902]. Democracy and Social Ethics. Cambridge, Massachusetts: Harvard University Press.

Anhorn, R. & Stehr, J. (Hrsg.) (2021). Handbuch Soziale Ausschließung und Soziale Arbeit. Wiesbaden: Springer VS.

Braches-Chyrek, R. (2013). Jane Addams, Mary Richmond und Alice Salomon: Professionalisierung und Disziplinbildung Sozialer Arbeit. Opladen/Berlin/Toronto: Verlag Barbara Budrich.

Deutscher Bundestag (2020). 16. Kinder- und Jugendbericht. Drucksache 19/24200 https://www.bmfsfj.de/blob/jump/162232/16-kinder-und-jugendbericht-bundestagsdrucksache-data.pdf. (Gesehen am 20.12.2021)

Dewey, J. (1993) [1916]. Demokratie und Erziehung. Eine Einleitung in die philosophische Pädagogik. Weinheim: Beltz.

Kessl, F. & Plößer, M. (Hrsg.) (2010). Differenzierung, Normalisierung, Andersheit: soziale Arbeit als Arbeit mit den Anderen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Köttig, M. & Röh, D. (Hrsg.) (2019). Soziale Arbeit und Demokratie: Theoretische Analysen, gesellschaftliche Herausforderungen und Konzepte Sozialer Arbeit zur Förderung von Partizipation und Demokratie. Berlin/Opladen/Toronto: Verlag Barbara Budrich.

Kuhlmann, C. (2014). Geschichte Sozialer Arbeit. 1: Studienbuch (4. Auflage). Schwalbach am Taunus: Wochenschau-Verlag.